Charles Kálmán Biographie

Als erstes Kind des Operettenkomponisten Emmerich Kálmán wurde Charles Kalman am 17. Nov. 1929 unter dem Namen Karl Emmerich Fedor Kálmán in Wien geboren. Sein Vater befand sich damals auf dem Zenit seiner Laufbahn und hatte erst acht Tage zuvor die zweiundzwanzigjährige Vera Kálmán, geb. Marie Mendelsohn, geheiratet, eine lettische Emigrantin, die als Kleindarstellerin in seiner Operette „Die Herzogin von Chicago“ aufgetreten war. Obwohl sich seine junge Mutter wenig um ihn kümmerte, wuchs Charlie, wie Karl Emmerich Fedor bereits damals genannt wurde, sehr behütet auf – mit eigenem Kindermädchen und einem riesigen Schrank voller Spielzeug, erst in einer großen Ringstraßenwohnung, seit 1935 in einer Döblinger Villa. Zu seiner zwei Jahre jüngeren Schwester Lili hatte er eine sehr enge Verbindung, seine jüngste Schwester Yvonne kam erst 1937 auf die Welt.

Da Emmerich Kálmán ungarischer Staatsbürger war, konnte er im Juni 1938 samt Familie unbehelligt in zwei Automobilen nach Zürich auswandern. Im Oktober ging es weiter nach Paris, wo bereits die Wiener Möbel warteten. Verglichen mit anderen Flüchtlingen führte Familie Kálman dort eine „Emigration de luxe“, wie Vera Kálmán es nannte (KálmánV 1980, S. 119). Dank diplomatischer Unterstützung konnte die Familie noch nach Kriegsbeginn durch das besetzte Frankreich über Genua in die USA entkommen. Am 28. März 1940 betraten die Kálmáns in New York amerikanischen Boden, drei Monate später übersiedelten sie nach Hollywood. Nachdem sich alle Filmpläne des Vaters zerschlagen hatten, ließen sie sich Ende 1941 endgültig in New York nieder.

Charles Kalman besuchte die Riverdale Country School, wo er bei Tsuya Matsuki in Harmonielehre und Richard MacClanahan am Klavier eine fundierte Ausbildung genoss. 1948 schrieb er sich, obwohl sein Vater Bedenken gegen eine künstlerische Laufbahn hatte (WBW KalmanC, Brief von Emmerich Kálmán an Paul Knepler, New York, 18. März 1948), für Korrepetition und Komposition an der Columbia University ein, wo schon Richard Rodgers, Lorenz Hart und Oscar Hammerstein studiert hatten. Damals entstand neben vielen von seiner Schwester gedichteten Liedern mit dem „Hudson Concerto“ für Klavier sein eigentliches Opus 1.

Für die Studentenbühne der Columbia University schrieb er sein erstes Musical, die politische Satire „Babe in the Woods“. Das war 1951, als eine künstlerische Laufbahn im damals blühenden Musicalbetrieb vorgezeichnet schien. Mit seiner Schwester Lili als Autorin arbeitete er an einem Musical-Projekt namens „Bon Voyage“. Doch nach dem zweiten Schlaganfall des Vaters kehrte die Familie nach Europa zurück, wo Charles Kalman am Pariser Conservatoire bei Jean Rivier und André Renault studierte und nach dem Tod seines Vaters im Jahr 1953 als dessen musikalischer Erbe gehandelt wurde. Er vollendete dessen letzte Operette „Arizona Lady“, die ein Jahr später uraufgeführt wurde. Unmittelbar im Anschluss daran erhielt er vom Hessischen Staatstheater in Wiesbaden das Angebot, zusammen mit dem Journalisten Willy Werner Göttig sein bislang unvollendetes Musical „Bon Voyage“ zur Revue-Operette „Der große Tenor“ umzuarbeiten. Die Uraufführung am 8. Jan. 1955 war ein Erfolg. Unter dem nochmals geänderten Titel „Wir reisen um die Welt“ wurde das Werk von vielen deutschen Bühnen nachgespielt.

Der renommierte Verlag Felix Bloch nahm den jungen Komponisten noch im selben Jahr für eine weitere Operette unter Vertrag. Kalman zog daraufhin von Paris, wo die Familie bisher gelebt hatte, nach Berlin, um dort mit dem Drehbuchautor Peter Goldbaum an „Rendezvous mit dem Leben“ zu arbeiten. Um die 1947 erworbene US-amerikanische Staatsbürgerschaft nicht durch zu langen Auslandsaufenthalt zu verlieren, hielt er sich von 1956 bis 1963 hauptsächlich in den USA auf. Er lebte überwiegend in New York, ohne allerdings Anschluss an den Broadway zu finden, obwohl damals sein wohl ambitioniertestes Bühnenwerk entstand: „Widow Paris“, ein Kreolen-Musical über die Voodoo-Priesterin Marie Laveaux. Schließlich kehrte er endgültig nach Deutschland zurück und ließ sich im Juni 1963 in München nieder, wo er bis zu seinem Tod lebte.

„Rendezvous mit dem Leben“ wurde 1969, zwölf Jahre nach Fertigstellung, in Würzburg uraufgeführt, fand aber ebenso wenig Resonanz wie die darauf folgende Operette „Antonia“ – trotz Uraufführung durch den ORF u. a. mit Sari Barabas. Charles Kalman konzentrierte sich nun auf Orchesterwerke, vor allem für die Rundfunkorchester der BRD. Aber auch das literarische Chanson bot ein reiches Betätigungsfeld und brachte vor allem in der Zusammenarbeit mit Peter Herz, Walter Brandin und Robert T. Odeman wahre Klassiker des humoristischen Genres hervor, wie etwa „Der Lebemann“, „Herr Ober, nur ein Gedeck“, „Schicksalswalzer“ oder „Am Morgen danach“.

Anfang der 1980er Jahre entdeckte auch der deutsche Film Charles Kalmans spezielle Begabung. Sollte er für die Erich-Kästner-Verfilmung „Fabian“ anfangs nur die Lieder vertonen, übertrug ihm Regisseur Wolf Gremm bald den gesamten Soundtrack. In der Folge entstanden Filmmusiken u. a. zu „Tödliche Liebe“, „Nach Mitternacht“ oder „Rosenemil“. Schließlich wurde sein Kollege Peer Raben auf ihn aufmerksam und engagierte ihn für Tankred Dorsts und Peter Zadeks Bühnenfassung des „Blauen Engels“, die 1993 mit Ute Lemper, Ulrich Wildgruber und Eva Mattes am Berliner Theater des Westens Furore machte.

Als Instrumentalkomponist nach wie vor gefragt, hat sich Charles Kalman in seinen letzten Lebensjahren von der Bühne weitgehend zurückgezogen. Sein mit dem 2007 verstorbenen Franz Marischka geschriebenes letztes Musical „Lüg nicht, Leon!“ blieb unaufgeführt. Sein Werk bewahrte bis zuletzt den Charme einer längst vergangenen Zeit, einer Zeit, die 1938 ebenso plötzlich endete wie Charles Kalmans Kindheitsidyll. Von diesem Verlust erzählt denn auch die Musik dieses letzten Grandseigneurs der Unterhaltungsmusik.

Charles Kalman starb am 22. Febr. 2015 in München.

Stefan Frey: Charles Kalman, in: Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit, Claudia Maurer Zenck, Peter Petersen (Hg.), Hamburg: Universität Hamburg, 2010